Erleuchtung – das Ziel wahrer Spiritualität
Seit mindestens 2500 Jahren ist Erleuchtung DAS wichtigste Ziel der Spiritualität. Zu der Zeit hat der Buddha in Indien Erleuchtung
gefunden, und zeitgleich Parmenides in
Griechenland. In beiden Kulturen gibt es seitdem die spirituelle Tradition der Suche nach Erleuchtung als Suche nach Wahrheit, Freiheit und Liebe. Es ist eine ganzheitliche Transformation des Menschen; die begrenzte und
beschränkte Ichhaftigkeit hört auf, der Verstand wird still, und dadurch erfährt sich der Mensch als Leere, Bewusstsein, Liebe und Glückseligkeit. Im indischen: Sat-Chit-Ananda.

Im letzten Jahrhundert gab es große Psychologen und Psychologinnen, Psychotherapeuten, die nicht nur persönliches Wachstum, sondern auch Erleuchtung im Sinn hatten; in den siebziger und achtziger Jahren pilgerten hunderttausende nach Indien, um dem erleuchteten Osho zuzuhören und um Erleuchtung zu finden,. Dann entstand um die Jahrtausendwende die Satsang-Bewegung, und inzwischen scheint es so, als wenn die Menschen aus Resignation die Hoffnung auf Erleuchtung aufgeben und glauben würden, sich mit Achtsamkeit und
Bewusstheit zufriedengeben zu müssen.

Jetzt folgt ein fiktives Gespräch, dass ich so ähnlich häufig mit interessierten Menschen führe.

Du nimmst dich wahr als einen spirituellen
Menschen. Wozu?
Ich bin verbunden mit allen Menschen, mit allem. Es tut mir gut, mich so verbunden zu fühlen.

Das scheint auch mir wichtig. Aber gibt es da nicht mehr? Gibt es da nicht die Erleuchtung?
Es gab eine Zeit, da glaubte ich das auch. Da hatte ich die die Hoffnung, Erleuchtung zu
finden. Aber das ist für mich vorbei. Wird nicht so unterschiedliches über Erleuchtung gesagt? Gibt es sie überhaupt?

Unterschiedliches ja, aber wesentlich stimmen alle Mystiker seit Jahrtausenden überein. Aus den verschiedensten Kulturen. Das ist erstaunlich und spricht dafür, dass es das gibt. Erleuchtung
bedeutet, dass der Verstand still ist. Nicht immer, wenn etwas zu tun ist, zu bedenken ist, tritt die Stille in den Hintergrund. Stille heißt unendlich tiefer Frieden, Glück, ja Glückseligkeit, und ein
tiefes Gefühl des erfüllt-Seins und des Zuhause-Seins. Manche sagen, dass es nur kurz andauert, andere, dass es das gesamte Leben dann
bestimmt und durchzieht. Ich glaube, nur letzteres verdient wirklich, Erleuchtung genannt zu werden.
Gut, aber für wen? Ich selbst habe über zehn Jahre in Satsangs gesessen und bei buddhistischen Meditationen. Es gab zwei Menschen, von denen gesagt wurde, dass sie Erleuchtung gefunden hätten. Ganze zwei. In zehn Jahren.

Dann entsteht ein Teufelskreis. Es fehlt die Erwartung, Erleuchtung finden zu können, sodass sich die innere Energie nicht auf Erleuchtung ausrichtet. Dann wird Erleuchtung sehr schwer und die
Erwartung wird noch negativer.

Es gab auch eine Zeit, da hab ich gehört:
„Du bist schon erleuchtet, höre mit der Suche auf, das ist das einzige was nötig ist.“ Aber dann wären doch alle, die nie angefangen haben zu suchen, schon die glücklichsten!

Ja, die Weisen sagen etwas anderes. In den
Upanishaden, 3000 Jahre alt, steht, wenn einer so sehr Erleuchtung wünscht, wie jemand, der unter Wasser nach Luft und Sauerstoff verlangt, dann findet er Erleuchtung im selben Augenblick. Das Geheimnis ist: Erleuchtung suchen, ohne für sich etwas haben zu wollen.
Ja, aber dass man nichts tun könne, oder dass „niemand da wäre“, der Erleuchtung finden könnte, auch das hab ich gehört und das hat mich ziemlich durcheinandergebracht.

In Wirklichkeit ist es viel grundlegender. Du musst aufhören mit allem Tun, das ist ultimatives Loslassen. Ein Beispiel: die Menschen sind mit dem Atem blockiert, weil sie sich Gefühle vom Leib halten wollten und mussten. Nichts tun und loslassen bedeutet den Atem ganz frei werden zu lassen, so wie der Körper atmet und dafür kannst du viel tun, das den Atem löst, dann wird das macht es leichter und das macht es.
Die Vergangenheit beenden und dich mit ihr aussöhnen. Der innere Modus des Geschehen-Lassens. Die Schwierigkeit: tatsächlich bringen alle Übungen nichts, die die Struktur haben, „ich tue etwas, um etwas zu bewirken“, wie Mantren singen, oder den Atem beobachten. Tatsächlich sind viele spirituelle Übungen nichts anderes als ein Training im Gefühlsabwehr. Das hilft weder zum lebendig werden, noch zur
Erleuchtung. Es gibt ganz wenige Übungen, die reines Geschehen Lassen entwickeln. Dann
beginnt ein inneres Sinken und Fallen, das immer weitergeht und schließlich als ein Schweben in der Unendlichkeit für immer
weitergeht. Du selbst bist diese Unendlichkeit.
Wenn das alles stimmt, müssten doch viele Menschen Erleuchtung finden können?

Ja, das geschieht auch. In meinen Retreats
ständig. Wenn in einem meiner beiden Sommer-Retreats 200 oder 250 Menschen zusammenkommen, haben nach den 14 Tagen 20-30 Menschen zusätzlich Erleuchtung gefunden.
Das ist unfassbar. Es hätte ja jeder eine reale Chance, Erleuchtung zu finden!

Ja so ist es.
Wieso ist das nicht bekannt?
Doch ist es. Ich veröffentliche es seit Jahren, mein letztes Buch „Erleuchtung kann jeder“ handelt von nichts anderem. [… Pause]
„ …… ? … Und? Kommt da noch was? “

Ich weiß es ebenso wenig, warum es nicht aufgegriffen wird. Gut, ich bin womöglich der einzige spirituelle Lehrer, bei dem die Zahl der Schüler und Schülerinnen zunimmt. Aber sonst? Ich glaube die meisten Suchenden sind so tief enttäuscht, haben Erleuchtung zu wenig oder gar nicht erlebt, dass Erleuchtung praktisch nicht möglich scheint „und dann schloss er messerscharf, dass nicht sein kann was nicht sein darf.“ Der Teufelskreis von dem wir oben gesprochen haben.
Ist es dann mit der Erleuchtung getan?
Nein, dann beginnt ein Prozess der inneren
Verwandlung, dann beginnt das aufregende Abenteuer des eigent
lichen Lebens.

 

Christian Meyer ist einer der bekanntesten spirituellen Lehrer im deutschsprachigen Raum.
Seine Arbeit stützt sich zugleich auf Jahrtausende alte Traditionen: Das Advaita, das Yoga und die christliche Mystik von Meister Eckart und Johannes Tauler. Die von ihm entwickelten Prinzipien sind nicht nur ein eigenständiger
spiritueller Weg, sondern können auch andere spirituelle Wege bereichern.

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